Auf ein Wort … mit Daniel Menge

Daniel Menge führte den ESV Kaufbeuren als vorbildlicher Mannschaftskapitän durch eine schwierige Saison, die nicht zuletzt dank seiner spielerischen, kämpferischen und menschlichen Vorzüge im Klassenerhalt ein versöhnliches Ende fand. Bei einer von der Allgäuer Zeitung durchgeführten Abstimmung wurde der Topscorer des ESVK zum Kaufbeurer Spieler des Jahres gekürt. Seine Vertragsverlängerung löste bei der erleichterten Anhängerschaft des Traditionsvereins unbändige Freude aus.

Wenige Tage nach Saisonschluss gab mir der sympathische Sportsmann ein ausführliches Interview, das den Auftakt meiner drei Frühlingsinterviews 2015 bildet.

Daniel, eine mitunter schwierige Saison liegt hinter uns. Wie hast Du das Spieljahr 2014/15 persönlich erlebt?

Es war die nervenaufreibendste Saison, die ich jemals durchgemacht habe. Nach unseren vier Siegen und der Tabellenführung herrschte zunächst riesige Euphorie, dann aber ging es kontinuierlich bergab. Viele Verletzungen und auch Fehlplanungen mit Spielern und dem Trainer führten dazu. Auf einmal standen wir in Dresden mit nur noch zehn Mann auf dem Eis und wir wussten, dass wir nur durch ein Wunder Punkte würden mitnehmen können. Aufgeben kam aber zu keinem Zeitpunkt infrage. Im Januar lagen mir dann sehr gute Angebote aus der Liga vor, jedoch war ich mir damals schnell dessen bewusst, dass ich nie mehr zurückkommen würde können, wenn ich weggehen würde. Zu jener Zeit stand ja auch die brennende Stadionfrage im Raum und ich hoffte, dass eine neue Halle gebaut und mit neuen Strukturen auch ein professionelleres Umfeld geschaffen werden würde. An dieser Neuausrichtung wollte und will ich -in welcher Form auch immer- teilhaben. Ende gut, alles gut. Wir bekommen ein neues Stadion, wir haben die Klasse gehalten und auch der Wunsch nach mehr Professionalität wird derzeit nach bestem Wissen und Gewissen umgesetzt. Es gibt jetzt vier Gesellschafter, die sich maßgeblich in den ESVK einbringen, aber auch einräumen, sich in sportlichen Belangen nicht ausreichend auszukennen. Sie haben einen Geschäftsführer eingestellt, der noch voll im Eishockeygeschäft involviert ist.

Fehlplanungen mit Spielern – könntest Du dies näher erläutern?

Natürlich läuft nicht immer alles, wie man es sich ausdenkt. Fehler passieren und man muss aus ihnen lernen. Noch besser ist es aber, wenn man sie erst gar nicht macht. Beispielsweise sollte man Förderlizenzspieler nicht als fixe Größe bei der Kaderplanung berücksichtigen, weil ihre tatsächliche Anwesenheit nicht vorausgesetzt werden kann. Man hat gesehen, wie oft Stefan Loibl und Manuel Wiederer nicht bei uns waren und dem Team dann auch wirklich gefehlt haben. Und bei einem gesundheitlich angeschlagenen Spieler ist es für einen Verein wie den ESVK doppelt notwendig, sich vor der Verpflichtung im medizinischen Bereich so viel Gewissheit wie irgendmöglich zu verschaffen. Roland Mayr hat es selber am meisten geschmerzt, als er uns wegen seines lädierten Knies bald wieder verlassen musste, aber er hat dann halt auch der Mannschaft als wichtige Größe spürbar gefehlt.

Vermutlich wirst Du gleich auch noch auf unsere ausländischen Akteure zu sprechen kommen.

Darum kommen wir nicht herum. Ausländische Kräfte kosten Geld. Da muss die Leistung stimmen, zumal die Stärke einer Mannschaft in nicht unerheblichem Maße von ihrer Klasse mitbestimmt wird. Gerade bei der Auswahl der Kontingentspieler ist größte Sorgfalt geboten, um ein gutes Verhältnis zwischen Preis und Leistung zu gewährleisten. Dieses war nicht vorhanden, was sich selbstverständlich negativ auf das Leistungsbild der Mannschaft ausgewirkt hat.

Und die Trainerfrage?

Die Mannschaft stand hinter Uli Egen und hätte gerne mit ihm weitergemacht. Nach seiner Entlassung, bei der auch Didi Hegen seinen Hut nehmen musste, kam der völlig unbekannte Finne Kari Rauhanen als unbeschriebenes Blatt und ohne erkennbare Referenzen nach Kaufbeuren. Seine Arbeit stand unter keinem guten Stern und nicht nur seine Entlassung kostete Geld. Große Hochachtung gebührt Juha Nokelainen und Stefan Mayer. Der Klassenerhalt ist ganz wesentlich auch ihr Verdienst. Sie waren weit mehr als bloße Nothelfer.

Neben den Sorgen mit den Kontingentspielern hatte man lange Zeit das Gefühl, die Defensive sei nicht sattelfest. Dazu gesellte sich ein Verletzungspech von schier epochalen Ausmaßen. Hattest Du während der nicht enden wollenden Niederlagenserie Zweifel am Gelingen des Unternehmens Klassenerhalt?

Nein. Nie. Mir war klar, dass es schwer werden würde, hätte ich aber Zweifel gehabt, wäre ich im Januar gewechselt. Ich wusste, dass zu den Playdowns alle fit sein würden, und genau mit diesen Leuten hatten wir ja auch die ersten vier Meisterschaftsspiele hintereinander gewonnen.

Ab wann kam bei Dir ein Gefühl echter Zuversicht zurück?

Zu Beginn der Playdowns. Alle waren gesund. Auch Michael Fröhlich und Stefan Vajs. Dazu hatten wir mit Matthias Bergmann und Daniel Oppolzer gute Nachverpflichtungen in unseren Reihen. Da war mir klar, dass wir es schaffen würden.

Nicht nur mir sticht die Harmonie im Zusammenspiel von Michael Fröhlich und Daniel Menge ins Auge.

Michi und ich haben ein sehr ähnliches Spielverständnis. Wir können unsere Pässe ohne Blickkontakt spielen, weil sich der andere genau dort anbietet, wo man selber auch hinlaufen würde. Wir haben uns gefunden und passen ausgezeichnet zusammen. Man kann von einem blindem Verständnis sprechen, weil sich unsere Ansichten und Bewertungen von Spielsituationen decken.

Die Spannung verdichtete sich schließlich in den Playdowns. Was ging in Dir vor, als Ihr in der Heilbronnserie durch ein deutliches 0:4 im dritten Spiel mit 1:2 Siegen ins Hintertreffen geraten wart und die folgende vierte Partie unbedingt gewonnen werden musste?

Ich war mir sicher, dass wir alle Heimspiele gewinnen würden, war aber positiv überrascht, dass sich trotz des zähen Saisonverlaufs so schnell wieder so viele Fans im Stadion eingefunden haben. Diese Unterstützung ist keinesfalls zu vernachlässigen und kann zu einem Aufschwung ungemein beitragen. Die ersten zwei Auswärtsspiele zählten dann zu den schlechtesten der Saison. Wir wollten aber alles erdenklich Mögliche daran setzen, einmal in Heilbronn zu gewinnen.

Du spieltest weite Teile der Playdowns mit starken Schmerzen. Das muss Dich sehr behindert und Dir stark zu schaffen gemacht haben.

Ich hatte ziemliche Probleme, überhaupt in den Schlittschuh hineinzukommen, und spielte mit Schmerzmitteln. Das soll jedoch in keiner Weise eine Ausrede sein, dass ich mit meiner Reihe gegen Nauheim nicht die Leistung zeigte, die von uns erwartet werden konnte. Schmerzen behindern zwar, aber das kommt auch bei anderen Mannschaften und Spielern vor. Damit muss man umgehen. Gegen Heilbronn war aber alles wieder in Ordnung.

Jenes vierte Playdownspiel gegen Heilbronn wurde erst in der 108. Minute entschieden. Wie hast Du diese Verlängerung und den Augenblick, als Tim Richters Puck im Netz zappelte, erlebt?

Ich war einfach nur froh, dass wir dieses wichtige Spiel gewonnen hatten. Viel Energie für Luftsprünge war nicht mehr vorhanden. Überglücklich war ich dennoch.

Gewähre uns einen Blick in Dein Inneres. Warst Du während der Verlängerung platt? Es lastete doch ein enormer körperlicher und mentaler Druck auf Euch.

Eigentlich ist man schon nach sechzig Minuten platt. Schließlich trainiert man für diese Zeitspanne. Es werden dann aber nochmals alle Energiereserven mobilisiert, weil man sich dessen bewusst ist, dass ein derart wichtiges Spiel die Wende in den Playdowns bedeuten kann. Nach einer gewissen Zeit spielt man dann allerdings doch in einer Art Sparmodus. Man kann nicht mehr alles geben, muss aber immer weiterspielen und macht in der Hoffnung, dass alles ein glückliches Ende nimmt, das, was irgendwie geht.

Welche Stimmung herrschte gegen Mitternacht in der Kabine?

Es war sehr ruhig, da wir alle auf dem Zahnfleisch daherkamen. Dennoch waren wir sehr glücklich. Jetzt wussten wir, dass wir die Serie packen würden. Eine Mannschaft, die nach einhundertacht Minuten ein Spiel verliert, ist mental ziemlich weit unten. Dann noch in den Bus zu steigen und stundenlang heimzufahren, das schmerzt.

Der Klassenerhalt war angesichts des geplanten Stadionneubaus und der unmittelbar bevorstehenden Gründung der Spielbetriebsgesellschaft mbH von geradezu existentieller Bedeutung. Kannst Du ihn für uns einordnen?

Die GmbH wäre, soweit ich weiß, auch in der Oberliga realisiert worden. Wieder aufzusteigen, wäre jedoch enorm schwer geworden. Angesichts der vielen Mannschaften, die in die DEL 2 drängen, geradezu eine Art Glücksspiel. Daher war der Klassenerhalt enorm wichtig. Desweiteren hätte der Abstieg mit Sicherheit auch die Stadionkritiker wieder auf den Plan gerufen. Wer weiß, was dann wieder passiert wäre?

Was macht den ESVK für Dich aus?

Der ESVK hat eine schöne Fankultur und kann fast als familiär bezeichnet werden. An allen Ecken wird geholfen und versucht, den Verein am Leben zu halten. Es ist schön, so viele Menschen zu sehen, die mit Herzblut am Eissportverein Kaufbeuren hängen. Der ESVK hat zudem eine lange Tradition in der Ausbildung guter Nachwuchskräfte. Dies sollte auch weiterhin unbedingt im Vordergrund stehen.

Du bist als Eishockeyspieler schon weit herumgekommen. Wie findest Du die Stimmung in der altehrwürdigen Eishalle am Berliner Platz?

Bei einem vollen Stadion ist sie genial. In den Playdowns hätte Heilbronn eigentlich auch gleich zu Hause bleiben können. (Daniel augenzwinkernd.) Ich hoffe nur, es lässt sich von dieser Atmosphäre etwas mit in die neue Halle hinübernehmen. Das ist ja ein heikles Thema.

Gibt es Spieler, deren Interpretation des Eishockeysports Dich besonders beeindruckt hat?

Er war zwar in Geretsried schon am Ende seiner Karriere angelangt, doch war es ein echter Genuss, mit Vladimir Kames in einer Reihe zu spielen. Vladimir hatte von seinem Spielwitz, seiner unglaublichen Übersicht und seinem Spielverständnis nichts eingebüßt. Sehr beeindruckt hat mich auch Niklas Hede, der seine Karriere in Helsinki begann. Ich spielte mit ihm in Bad Tölz zusammen und hatte immer das Gefühl, er würde gar keine Schlittschuhe tragen. Niki schien förmlich über das Eis zu schweben. Und dann ist da auch noch Jason Miller, mit dem ich in Regensburg und später noch einmal in Dresden in einer Mannschaft stand. Für ihn hatte stets das Team oberste Priorität. Jason war sich auch als ältester Spieler für Drecksarbeit nie zu schade. Heutzutage ist diese Eigenschaft leider nicht mehr ausnahmslos gefragt. Zum Teil scheint sie fast schon hinderlich zu sein, wenn man einen vernünftigen Vertrag möchte, weil die Qualität eines Spielers an oberflächlicheren Kriterien gemessen wird.

Daniel, Du bist ein vorbildlicher Kapitän und führst das Jokerteam in beeindruckender Weise. Auf der Tribüne ist mit Händen zu greifen, dass Du innerhalb der rotgelben Anhängerschaft uneingeschränkt riesige Wertschätzung erfährst. Was bedeutet Dir die Wahl zum Kaufbeurer Spieler des Jahres?

Diese Wahl freut mich sehr, sieht man doch, dass auch andere Leute den erbrachten Einsatz wahrnehmen. Das ist ein schönes Gefühl, das mir die Entscheidung, auch weiterhin in Kaufbeuren zu bleiben, erleichtert hat. Es gibt innerhalb der Mannschaft zuweilen aber auch Kritik an meinem Kapitänsamt, da mich manche Themen, die nicht mit Eishockey zu tun haben und von mir für unwichtig gehalten werden, nicht interessieren. Ich versuche, Kapitän auf dem Eis zu sein.

Die Bekanntgabe Deiner Vertragsverlängerung löste auf der Saisonabschlussfeier wahre Begeisterungsstürme aus. Was hat Dich bewogen, trotz höher dotierter Angebote im Allgäu zu bleiben?

Ich möchte nur ungern wegen des Eishockeys umziehen und kann durch meine Vertragsverlängerung zu Hause wohnen bleiben. Zudem fühle ich mich im Kaufbeurer Umfeld sehr wohl und ich erhoffe mir auch, nach meiner aktiven Laufbahn den beruflichen Einstieg ins Kaufbeurer Eishockey zu finden. Außerdem: Was bedeutet für einen Zweitligaspieler schon höher dotiert? Ich könnte in einem anderen Verein natürlich ein paar tausend Euro pro Saison mehr verdienen. Das ist es mir aber nicht wert, dafür eine mögliche Zukunft in Kaufbeuren wegzuwerfen. Und die brauche ich genauso wie alle anderen Spieler. Nach der Karriere hat man nämlich, auch wenn man Glück gehabt hat, nur ein kleines Polster, um sich beruflich etwas aufzubauen. Mehr nicht. Viele fangen sogar wieder bei null an.

Du verfügst sowohl über sportliche Kompetenz als auch über ein abgeschlossenes Studium. Wie könntest Du Dir diesen Einstieg beim ESVK nach Deiner aktiven Zeit vorstellen?

Ganz genau kann ich das noch nicht sagen, ich hätte aber auf jeden Fall großes Interesse daran, mich künftig in die Spielbetriebsgesellschaft einzubringen. Ich besitze ein abgeschlossenes Wirtschaftsstudium und möchte in diesem Bereich auch meinen beruflichen Einstieg finden. Die GmbH steht noch an ihrem Anfang und sie muss sich erst entwickeln. Zu gegebener Zeit werden sich Möglichkeiten ergeben.

Ganz herzlichen Dank für das ausführliche, offene und aussagekräftige Interview. Ich wünsche Dir privat und sportlich von Herzen alles Gute und hoffe, Dich noch viele Jahre im rotgelben Trikot und dann später an verantwortlicher Stelle beim ESVK erleben zu dürfen.

Interview: Manfred Kraus, 24. April 2015