Abschied vom Mythos – Augenblicke am Berliner Platz (6)

Die geschichtsträchtige Eishalle am Berliner Platz ist altehrwürdig geworden. Schon bald wird sie selbst Geschichte sein. Bleiben werden unsere ganz persönlichen Erinnerungen an ein bewegendes halbes Kaufbeurer Eishockeyjahrhundert. Unser Gedächtnis kann sie sammeln und mitnehmen. Einstweilen aber möchten wir sie teilen. Heute kommen Werner Karlin, der Erste Vorsitzende des Ligakonkurrenten EHC Freiburg, und Frater Magnus Morhardt, ein Ordensmann von den Barmherzigen Brüdern in München, zu Wort. Sie schildern uns Ihre Lieblingsaugenblicke am Berliner Platz.

“Natürlich sind die Stadien in Kaufbeuren und Freiburg längst in die Jahre gekommen und nicht mehr zeitgemäß, aber sowohl im Allgäu als auch im Breisgau haben wir noch eine echte Eishallenkultur, wo die Stimmung überspringt und eine tolle Eishockeyatmosphäre herrscht. Man darf sich da nicht täuschen lassen. Tradition lässt sich nicht einfach verpflanzen. Nur zu gut verstehe ich, dass sich bei aller Vorfreude auf eine neue Arena angesichts des Abschieds auch viel Wehmut breitmacht. Mit dem Berliner Platz verbinden sich zahlreiche Erinnerungen und gerade auch für uns Freiburger steckt die traditionsreiche Sportstätte voller emotionaler Augenblicke. Es fällt auch deshalb schwer zu glauben, dass nun ihr letztes Spieljahr bevorsteht. Bei meinem Kaufbeurer Lieblingsaugenblick kann ich Euch selbstverständlich den 8. April 1990 nicht ersparen, denn dieser Tag ist sozusagen weltumspannend mein liebster Eishockeyaugenblick aller Zeiten. Die Spannung einer ganzen Saison kulminierte im allerletzten Spiel, das dann vor ausverkauftem Haus zu allem Überfluss mit der Kaufbeurer 4:1-Führung und dem Freiburger 4:5-Auswärtssieg auch noch einen irren und unvergleichlich dramatischen Verlauf nahm. Es waren unheimlich viele Freiburger mit nach Kaufbeuren gekommen und es herrschte eine großartige Atmosphäre. Das damalige Freiburger Stadtradio berichtete live vom gesamten Spiel. Ich kann mich auch noch gut entsinnen, dass mir vor dem letzten Drittel Gabi, die Ehefrau des aus Freiburg nach Kaufbeuren gewechselten Rudi Sternkopf, im Hof, wo die Bierbuden stehen, begegnet ist und gesagt hat, es tue ihr für Freiburg so leid. Ich antwortete sinngemäß, sie solle nur mal abwarten, wir würden noch gewinnen. Ich saß direkt hinter dem Plexiglas und habe nach dem furiosen Schlussdrittel wie wild gegen das Glas getrommelt. Wir Freiburger lagen uns in den Armen. Ein einziger Freudentaumel war das. Schließlich wurde aus unserer Sicht eine völlig verkorkste Saison in den letzten Minuten noch gedreht. Für Euch aber war das natürlich sehr hart. Ich erinnere mich noch an die Fassungslosigkeit in den Gesichtern der Kaufbeurer Spieler. Viele Fans haben richtig geheult. Wir dagegen haben “Am Kamin” ein bissle gefeiert. Ein für beide Seiten legendäres Spiel am Berliner Platz, das für immer zur Freiburger und zur Kaufbeurer Eishockeygeschichte gehören wird.” (Werner Karlin, 60, Erster Vorsitzender des EHC Freiburg)

“Meine Leidenschaft für den ESV Kaufbeuren begann 1996/97. Es war die vorletzte DEL-Saison der Adler. Trotz einer 7:9-Niederlage gegen Schwenningen herrschte im Stadion eine großartige Stimmung. In den Jahren davor war ich zwar öfters einmal am Stadion vorbei-, aber nicht hineingekommen. Viel häufiger besuchte ich im Winter das Buchloer Eisstadion, das damals übrigens noch kein Dach hatte. Dort spielte und spielt noch immer die Hobbymannschaft aus meinem Heimatdorf Lengenfeld, heuer mal wieder sehr erfolgreich. Seit dem besagten Schwenningenspiel hatte auch mich die Leidenschaft ESVK erfasst. Ein paarmal pro Saison zog es mich ins Kaufbeurer Eisstadion, obwohl auch in Augsburg, wo ich inzwischen studierte, guter Eishockeysport geboten wurde. Natürlich sind mir ein paar Partien in besonders guter Erinnerung geblieben. Insbesondere das Aufstiegsspiel im Jahr 2002 gegen die Bad Aibling Dragodiles, die damals sensationell in der Oberliga vorne mitmischten, der famose Pokalsieg im Dezember 2004 gegen die Hamburg Freezers und das ausverkaufte Oberligaderby in der Spielzeit 2007/08 gegen den ewigen Rivalen aus Füssen, dessen Topscorer Garrett Festerling heute in der DEL spielt. Ebenso erinnere ich mich an ein Spiel gegen den SC Riessersee. Zwar setzte es vor einer herausragenden Kulisse eine haushohe 1:8-Niederlage, doch konnte selbst das der tollen Stimmung keinen Abbruch tun. Eine bemerkenswerte Tatsache, die für das Kaufbeurer Publikum spricht. Kurze Zeit später fand sich der SCR nach Finanzskandalen in der Oberliga und Torhüter Martin Cinibulk im ESVK-Tor wieder. Ein ganz besonderes Highlight aus jüngerer Zeit stellt für mich das dritte Playdownspiel gegen die Heilbronner Falken aus dem März 2014 dar. Kaufbeuren lag schon reichlich aussichtslos zurück, nachdem der DEL-Routinier Robert Hock auf 0:3 für Heilbronn gestellt hatte. Doch dann geschah etwas, was die letzte Phase dieser unglaublichen Saison auszeichnete. Kaufbeuren kam zurück. Zuerst krönte der US-Amerikaner Stephen Schultz ein phänomenales Solo in Unterzahl mit dem Anschlusstreffer zum 2:4. Der Glaube war wieder da! Dann sorgten im letzten Drittel noch einmal Stephen Schultz sowie der Finne Markku Tähtinen für den vielumjubelten Ausgleich. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen und in der spannungsgeladenen Verlängerung vollendete der quirlige Verteidiger Maury Edwards die grandiose Aufholjagd mit dem Siegtreffer. Ein starkes Erlebnis. Der ESVK hatte aus einem 1:4 ein 5:4 gemacht und die Serie stand 3:0. Danach aber verließen die Joker doch noch die Kräfte und das treue Kaufbeurer Publikum war um eine Erfahrung reicher. Auch nach meinem Ordenseintritt bei den Barmherzigen Brüdern besuche ich noch immer gerne Spiele des ESVK, wo ein phänomenales Publikum die wacker kämpfende Jokertruppe unterstützt. Auf ein Neues!” (Frater Magnus Morhardt, 37, München)

Haben auch Sie einen Lieblingsaugenblick rund um den Berliner Platz? Dann setzen Sie sich doch über abm.kraus@googlemail.com per Email mit mir in Verbindung. Wir alle freuen uns darauf.