Ein Jahrzehnt für die Ewigkeit

Kapitän Manfred Schuster führte den ESVK durch die goldenen Achtziger

Der Berliner Platz war voll bis unter die Decke und als Walter Kirchmaier im Nachschuss auf 4:1 erhöhte, brachen alle Dämme. Sechseinhalbtausend Menschen lagen sich in den Armen. Sie hüpften, jubelten, sangen. Ihrem ESVK war abermals der große Wurf gelungen. Er hatte den Erzrivalen aus Landshut besiegt und war erneut ins Play-off-Halbfinale der Bundesliga eingezogen. Die überfüllte Halle glich einem Tollhaus. Stürmisch forderte das hingerissene Publikum Ehrenrunde um Ehrenrunde. Das kleine gallische Dorf Kaufbeuren stand kopf. Sein ESVK hatte in einem Kampf auf Biegen und Brechen die bösen Geister des Vorjahres besiegt.

Die Allgäuer waren seinerzeit eine Macht im deutschen Eishockey und der 24. Februar 1985 krönte ein sensationelles Jahrzehnt, das als goldenes Zeitalter in die traditionsreiche Geschichte des ESV Kaufbeuren eingehen sollte. Zwei Halb- und sechs Viertelfinalteilnahmen binnen acht Jahren zeugen nachhaltig von einem eindrucksvollen Erfolgsweg, der von Anfang an untrennbar mit dem kometenhaften Aufstieg des Jahrhunderttalents Dieter Hegen zusammenhing. “Der Didi war ein Ausnahmespieler. Er hatte einfach ein Gespür für die Situation. Sein Torinstinkt war unvergleichlich und die gegnerischen Verteidiger hatten gewaltige Probleme, ihn in den Griff zu bekommen. Vor ihm hatte sogar der große Wladislaw Tretjak Respekt”, schwärmt der zusammen mit seinem Freund Dieter Medicus als Kaufbeurer Stadtmauer berühmt gewordene Manfred Schuster noch heute von dem Himmelsstürmer, der 1979 schon als Siebzehnjähriger mit Urgewalt eingeschlagen und seinen ESVK zurück in die Bundesliga geführt hatte, wo sich der von der Eishockeymuse gleich zweimal geküsste Vollblutstürmer dann auf Anhieb mit sagenhaften 54 Treffern die Krone des Torschützenkönigs aufsetzte. Als Vorstand Sepp Pflügl mit den genialen Tschechoslowaken Bohuslav Stastny und Vladimir Martinec, dem wohl besten Kaufbeurer Spieler aller Zeiten, auch noch die Weltklasse aus Böhmen ins Allgäu holte, gab es am Berliner Platz kein Halten mehr und die Rotgelben rockten die Republik.

Die Kaufbeurer Erfolgsgeschichte der goldenen Achtziger erlebte bereits 1984 erstmals das Semifinale, wo die Allgäuer den EV Landshut nach allen Regeln der Kunst beherrschten und mit zwei haushohen Auftakterfolgen in der auf drei Siege ausgelegten Serie sogar das Tor zu den Endspielen um die deutsche Meisterschaft weit aufrissen, ehe der amtierende Titelträger aus Niederbayern das Blatt unter skandalösen Umständen noch wendete und die Atmosphäre zwischen den beiden bayerischen Traditionsvereinen dauerhaft vergiftete.

“Ich will gar nicht mehr daran denken. Wir waren in dieser Phase so gut drauf. Die Landshuter wussten genau, dass sie gegen uns keine Chance hatten, wenn sie nichts gegen unsere Überlegenheit unternehmen würden. Wir hatten damals schon eine Vorahnung”, fällt es dem ehemaligen Abwehrstrategen Manfred Schuster noch immer schwer, an das unsägliche dritte Aufeinandertreffen zu denken, als am 3. April 1984 der Sport am Landshuter Gutenbergweg mit Füßen getreten wurde. Nicht nur Didi Hegen wurde das ganze Spiel über wüst malträtiert und provoziert, sondern schon während des Wamlaufens waren die Lichter ausgegangen und die beiden Kaufbeurer Schlüsselspieler Bohuslav Stastny und Vladimir Martinec tätlich angegriffen, verletzt und außer Gefecht gesetzt worden. Der brandgefährliche erste Sturm mit den Legenden aus Pardubitz und Torjäger Horst Heckelsmüller war gesprengt, der ESVK an seiner empfindlichsten Stelle getroffen und entscheidend geschwächt. Es spricht für den untadeligen Sportsmann Manfred Schuster, dass er trotz der Ungeheuerlichkeit der Vorfälle differenziert: “Ich muss ergänzen, dass sich Klaus Auhuber und Bernhard Englbrecht diese unglaublichen Aktionen ausgedacht und deren Landshuter Mitspieler nichts davon gewusst hatten.”

Der sechsundsiebzigfache Nationalspieler war Kaufbeurens Turm in der Schlacht. Technisch beschlagen. Kampfstark. Klug im Aufbau. Seine krachenden Direktabnahmen zuckten wie Blitze. Ein Marathonmann. Unverwüstlich. Omnipräsent. Er übernahm Verantwortung auf und neben dem Eis, war ein Kapitän im Wortsinn. Manfred Schuster führte seine Mannschaft und er blieb selbst besonnen, als die vierundachtziger Halbfinalserie auf hanebüchene Weise kippte. Schwer erträglich war das seinerzeit, schiebt man aber den Vorhang des Vordergründigen zur Seite, bleiben die Größe und die Sportlichkeit der Kaufbeurer Mannschaft als wahre Essenz. Die Geschichte hat den Allgäuern ohnehin längst das Gütesiegel des moralischen Siegers angeheftet.

“Manfred ist ein wunderbarer Freund und ich erinnere mich sehr gerne an unsere nationalen und internationalen Auftritte. Er war der filigranere, technisch versiertere Spieler, während ich eher das körperliche Spiel betonte”, bringt der einhundertfache Internationale Dieter Medicus seine hohe Wertschätzung für Manfred Schuster zum Ausdruck. “Wir verstanden uns blind und ergänzten uns super. Das brachte uns den Spitznamen Kaufbeurer Stadtmauer ein und ich kann sagen, dass sie weiterhin steht, die Mauer, denn wir spielen mit großem Vergnügen zusammen in der Seniorenmannschaft des ESVK. Ich wünsche mir noch viele gemeinsame Jahre mit ihm auf dem Eis.”

Beeindruckende individuelle Klasse verlieh dem ESVK der Achtziger das Gesicht, das wahre Geheimnis des märchenhaften Erfolgsweges aber lag in der bemerkenswerten mannschaftlichen Geschlossenheit des Davids von der Wertach, der den Eishockeygoliaths das Fürchten lehrte. “Es war eine überragende Zeit und der Berliner Platz glich einer Festung”, erinnert sich der Olympiafünfte von Calgary, “wir hatten Weltklasseleute, an denen sich alle aufrichten konnten, und sehr ehrgeizige und hart arbeitende einheimische Spieler, die mit ihrer Disziplin und ihrer hervorragenden Einstellung vor allem daheim oft über sich hinauswuchsen.” Der ESVK, das waren Spielfreude, Leidenschaft, Teamgeist und Kampfkraft – unter einen Hut gebracht vom gewieften Trainerfuchs Florian Strida, der im November 2016 von uns gegangen ist. Für ihn gaben die Spieler alles. Er war der Architekt des Erfolges, Taktikgenie, Vaterfigur, Mensch.

“Wir waren einfach eine Einheit. Insbesondere mit dem Publikum. Die meisten Spieler kamen aus Kaufbeuren und die Zuschauer identifizierten sich mit uns”, würdigt Manfred Schuster eine weitere Trumpfkarte der goldenen Achtziger. Der Hexenkessel Berliner Platz brannte lichterloh und das treue Publikum stand wie ein Mann hinter den Rotgelben. Es peitschte seinen ESVK bedingungslos nach vorne. Im Traumjahr 1986/87, als der Prager Eishockeyrastelli Pavel Richter zum ungekrönten König Kaufbeurens wurde, sein kongenialer Zwilling Karel Holy meisterhaft die Fäden zog, vor allem aber wieder das glänzende Kollektiv dafür sorgte, dass die Talentschmiede Kaufbeuren eine der großen deutschen Eishockeyhochburgen blieb, wurde die stimmgewaltige Anhängerschaft gar zum besten Publikum des Landes gekürt.

Lange Zeit stand der nun von Schlitzohr Dr. Richard Pergl gecoachte ESVK ganz oben. Die Mannschaft zelebrierte ihr berauschendes Eishockeyspektakel und der Berliner Platz inszenierte sich Woche für Woche selbst. Die Stimmung war euphorisch, mitreißend, verrückt. Die Halle bebte. Sie wurde zur Pilgerstätte und die Fachpresse schwärmte vom Wahnsinn im Allgäu. Für einen guten Stehplatz musste man zweieinhalb Stunden vor Spielbeginn da sein. Beinahe unentwegt hing das Ausverkauftschild am Tor. Mitunter blieben Kartenwünsche tausender Eishockeyfreunde aus ganz Süddeutschland unerfüllt. Wer aber drin war, dem entgleiste der Ruhepuls, der wurde mitgerissen von einer Welle der Begeisterung, der ging erst wieder heim, wenn er die vom Duschen kommenden Spieler noch einmal frenetisch gefeiert hatte. Sagenhafte 5260 Besucher pro Partie erlebten die Gänsehautatmosphäre einer atemberaubenden Saison, die nicht ganz zur erfolgreichsten wurde, vielleicht aber zur schönsten von allen.

Jäh und unerwartet erschütterte zwei Jahre später der Abstieg eines für stärker gehaltenen Aufgebots die Euphorie und nach dem aufwühlenden Drama des schwarzen Freiburgtages zeichnete sich anno neunzig ein Generationswechsel ab. Die alten Recken sagten dem Berliner Platz Adieu. Zurück aber blieben weit mehr als nur ihre Namen, die für die größte Epoche in der siebzigjährigen Geschichte des Traditionsvereins aus dem Allgäu stehen. Noch heute erhöht allein der Gedanke an die goldenen Achtziger den Pulsschlag. Ein Jahrzehnt für die Ewigkeit.