Internationales Flair in Kaufbeuren

Franz Reindl hat Wort gehalten. Ein Jahr nach der feierlichen Eröffnung der erdgas schwaben arena löst der Präsident des Deutschen Eishockeybundes mit dem Zuschlag für das Länderspiel Deutschland gegen Slowakei sein Versprechen aus dem vergangenen Herbst ein. Im Rahmen der Euro Hockey Challenge wird der Weltmeister von 2002 im Frühling seine Zelte in Kaufbeuren aufschlagen und erstmals internationales Länderspielflair in die neue Eishalle an der Bahnhofstraße bringen. “In Kaufbeuren waren wir zuletzt im Jahr 2005 zu Gast. Sie haben ein tolles neues Eisstadion bekommen, spielen eine sehr gute Rolle in der DEL2 und haben eine hervorragende Nachwuchsarbeit. Der ESVK hat die Ausrichtung dieses Länderspiels mehr als verdient”, würdigt Franz Reindl den Kraftakt der Allgäuer Eishockeyhochburg, deren Länderspielpremiere uns zu einer mehr als sechs Jahrzehnte überbrückenden Zeitreise aufruft und gleichsam in eine andere Welt führt. Der ESV Kaufbeuren spielte seinerzeit in der erstklassigen Oberliga, war Anfang Januar allerdings durch das einsetzende Tauwetter mit seinem letzten Meisterschaftsspiel in Verzug geraten, sodass ihm plötzlich binnen vierundzwanzig Stunden zwei sportliche Großereignisse ins Haus standen. Ehe am Sonntag der mit anerkannten Könnern vom Schlage eines Toni Biersack, Fritz Poitsch und Rudi Pittrich gespickte Tabellenführer SC Riessersee zur Nachholbegegnung an der Wertach aufkreuzte, gaben sich bereits tags zuvor die B-Nationalmannschaften der Schweiz und Deutschlands die Ehre.

Man schrieb den 19. Januar 1957. Die Kälte war zurückgekehrt, das Natureis hart, die Erleichterung groß. Und die Lokalpresse schwärmte von einem kaum zu überbietenden Höhepunkt, von einer sportlichen Delikatesse. Schließlich besaß die B-Nationalmannschaft in jener Zeit einen unvergleichlich höheren Stellenwert, als man dies heute gemeinhin zu glauben vermag. Zudem suchte der Deutsche Eissportverband in dem mit bewährten Kräften verstärkten B-Kader intensiv nach Talenten, um an einem schlagkräftigen und zukunftsfähigen A-Team zu basteln, hatte man doch seine Teilnahme am bevorstehenden Weltmeisterschaftsturnier in Moskau mit der heiklen Begründung abgesagt, die deutsche Nationalmannschaft sei für ein derartiges Kräftemessen nicht stark genug.

“Das Allgäu darf sich glücklich schätzen”, philosophierte derweil die Kaufbeurer Tageszeitung in ihrem Vorbericht, “dass es in dem EC Oberstdorf und dem ESV Kaufbeuren zwei wagemutige Vereine besitzt, die sich nicht gescheut haben, das große Risiko der Ausrichtung von Länderspielen zu übernehmen. Bei dem bekannten Allgäuer Eishockey-Enthusiasmus ist aber damit zu rechnen, dass die Veranstalter nicht enttäuscht werden und die Freunde dieses schnellen Spiels die Eisstadien in Kaufbeuren und Oberstdorf bis auf den letzten Platz füllen werden.” Und tatsächlich konnte von Enttäuschung keine Rede sein, denn die begeisterungsfähigen Kaufbeurer Zuschauer kamen in Scharen und sie durften nicht nur einen überlegenen 6:2-Sieg der deutschen B-Auswahl beklatschen, sondern auch ihren Publikumsliebling Fredl Hynek mit stürmischem Beifall bejubeln. Der unvergessene Spielmacher überzeugte auch im Nationaltrikot vollauf. Mit seinem spitzbübisch erzielten Führungstor wies er dem Spiel bereits in der ersten Minute die Richtung und gemeinsam mit den Riesserseern Albert Loibl und Richard Kappelmeier wirbelte er im ersten Sturm die eidgenössische Abwehr gehörig durcheinander.

Kaufbeuren war nun Länderspielstadt und kaum zwei Jahre später stand sogar das Aufeinandertreffen der deutschen und der Schweizer A-Nationalteams bevor, doch sollte dieser vermeintliche Leckerbissen gleich im doppelten Sinne ins Wasser fallen. Nicht genug damit, dass beide Verbände kurzfristig von der Wertung der Partie als Länderkampf Abstand nahmen, goss es am 17. Oktober 1958 zu allem Überfluss auch noch wie aus Kübeln. Angesichts des strömenden Dauerregens verlor sich lediglich ein überschaubares Häufchen Eishockeyfreunde im neuen Kaufbeurer Kunsteisstadion, das nur wenige Wochen zuvor beim 6:3 des heimischen ESVK gegen den EV Innsbruck seine herbeigesehnte Einweihung und einen der bedeutsamsten Meilensteine in der Geschichte des Traditionsvereins freudig gefeiert hatte. Das vermeintliche Ländertreffen der beiden Nachbarn geriet dadurch zu einem Muster ohne großen Wert und obendrein zog die von dem aus der Deutschen Demokratischen Republik geflohenen Gerhard Kießling betreute deutsche Auswahl mit 3:9 deutlich den Kürzeren.

Somit sollte es dem 9. Dezember 1969 vorbehalten bleiben, als Tag des ersten Kaufbeurer A-Länderspiels in die Geschichte einzugehen. Anlass war ein neuerlicher Markstein von geradezu einschneidender Tragweite, katapultierte die überdachte Eishalle am Berliner Platz den ehrgeizigen Verein von der Wertach doch in ein neues Zeitalter. Schon die erste Partie hatte dies eindrucksvoll bestätigt, als am ersten Bundesligaspieltag zur Einweihung ausgerechnet der schwäbische Erzrivale Augsburger EV ins Allgäu gekommen und in einem Kampf auf Biegen und Brechen mit 6:5 geschlagen worden war. Noch heute gilt es als offenes Geheimnis, dass sich an jenem denkwürdigen Abend mehr als achttausend Menschen in die aus allen Nähten platzende Halle gezwängt hatten und diese schon bei ihrer Feuertaufe in ihren Grundfesten erzittern ließen. Da ging es im Advent beim Gastspiel der jugoslawischen Nationalmannschaft spürbar gelassener zu, obwohl das deutsche Team gleich einem Wintersturm über den Olympianeunten vom Balkan hinwegbrauste und mit 7:0 gewann.

Für gehöriges Aufsehen sorgte sechzehn Jahre später das Gastspiel der Vereinigten Staaten von Amerika. Einerseits waren da die unbekümmert aufspielenden nordamerikanischen Himmelsstürmer um Paul Fenton, Aaron Broten und Tony Granato, die entscheidend zum 8:3-Erfolg der US-Boys beitrugen, andererseits standen vor 5100 erwartungsfrohen Besuchern mit Dieter Medicus, Manfred Schuster, Horst Heckelsmüller und Didi Hegen sage und schreibe vier Kaufbeurer Eishockeygrößen auf dem Eis, die ihren ESVK soeben zum zweiten Mal in Folge ins Play-off-Halbfinale um die deutsche Meisterschaft geführt hatten. Zum großen Höhepunkt in der Kaufbeurer Länderspielgeschichte geriet indessen eine Partie, die 1987 den schier übermächtigen Eishockeygiganten Sowjetunion ins Allgäu führte und in die Annalen des deutschen Eishockeys eingehen sollte. Eine volle Hütte war garantiert und einen historischen Sensationserfolg gab es als Sahnehäubchen obendrein.

Aber der Reihe nach. Kaufbeuren lag im Taumel. Ein Höhepunkt jagte den anderen und es herrschte eine unvergleichliche Begeisterung. Der ESVK schwamm auf einer Erfolgswelle. Er mischte die Bundesliga auf und seine dauereuphorisierte Anhängerschaft berauschte sich am Berliner Platz und an sich selbst. Völlig losgelöst, verwandelte sie ihn in ein Tollhaus. Spiel für Spiel. Die Fans füllten die Tribünen weit mehr als zwei Stunden vor dem ersten Bully und sie gingen erst wieder heim, wenn sie die frischgeduschte Mannschaft noch einmal frenetisch gefeiert hatten. Unablässig hing das Ausverkauftschild am Einlasstor, während aus ganz Süddeutschland Eintrittskarten nachgefragt wurden, weil alle Welt an der atemberaubenden Stadionstimmung teilhaben wollte. Nicht selten kehrten Tausende unverrichteter Dinge wieder heim. Zum Schlager gegen den Mannheimer ERC sollen gar weit mehr als zwölftausend Kartenwünsche eingegangen sein. Am Ende lag der Besucherschnitt bei 5260 Anhängern.

Da kam der nicht in Bestbesetzung antretende, aber gemeinhin als unbezwingbar geltende Rekordweltmeister am 28. März 1987 gerade recht. Die zum besten deutschen Eishockeypublikum gekürten Kaufbeurer Zuschauer liefen zu gewohnt großer Form auf und sie peitschten zum Leidwesen von Trainer Viktor Tichonow auch die deutsche Nationalmannschaft zu einem furiosen 5:2 gegen die UdSSR, dem ersten Sieg gegen die Sowjets überhaupt. Das Wort vom historischen Ereignis machte die Runde. Neben Kaufbeurens Jahrhunderttalent Didi Hegen, der seinen Heimatverein im Sommer 1986 verlassen hatte, standen mit Dieter Medicus und Manfred Schuster auch wieder zwei aktuelle ESVK-Spieler in Xaver Unsinns Auswahl. Die Kaufbeurer Stadtmauer verteidigte standhaft Karl Friesens Festung und die beiden Vorzeigesportler fuhren anschließend auch mit zur Weltmeisterschaft nach Wien, wo die deutsche Auswahl den sechsten Platz belegte und die beiden Kölner Udo Kießling und Gerd Truntschka ins All-Star-Team berufen wurden. Nicht mehr mit an Bord war indessen Franz Reindl. Eine langwierige Verletzung hatte den Bronzemedaillengewinner von Innsbruck einen Großteil der Saison und die Fortsetzung seiner erfolgreichen internationalen Karriere gekostet. Während der amtierende Präsident des Deutschen Eishockeybundes in den Herbst seiner Karriere eingetreten war, ging derweil ein neuer Stern kometenhaft am deutschen Eishockeyhimmel auf. Der zum BSC Preußen Berlin gewechselte Tölzer Andreas Brockmann avancierte bei der B-Weltmeisterschaft der Junioren im französischen Rouen zum Topscorer. Sein Debut in der Seniorennationalmannnschaft stand unmittelbar bevor.

Kaufbeuren sollte für das russische Eishockey indessen ein heißes Pflaster bleiben, setzte es doch im April 1993 für die Sbornaja erneut eine Niederlage am Berliner Platz. Die Welt und zuvörderst die Supermacht Sowjetunion hatten inzwischen das Ende des Kalten Krieges, den Fall des Eisernen Vorhangs sowie gewaltige politische und gesellschaftliche Umwälzungen erlebt, deren tiefgreifende Auswirkungen auch vor dem Sport nicht haltmachten. Bei der neuerlichen Begegnung mit dem deutschen Nationalteam vertrat das nunmehr vom legendären Boris Michailow gecoachte Kollektiv um die charismatischen Eishockeyzwillinge Wjatscheslaw Bykow und Andrej Chomutow längst nicht mehr die 1991 aufgelöste Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, sondern das russische Kerngebiet der einstigen Union.

Ein magischer Augenblick, denn das zum HC Fribourg Gotteron gewechselte Traumpaar Bykow-Chomutow kann getrost als Sinnbild für die Schönheit des Eishockeysports dienen. Bei den anstehenden Titelkämpfen führten die beiden Ausnahmekönner Russland zum Weltmeistertitel und ich ließ mir keinen ihrer acht Auftritte in der Münchner Olympiahalle entgehen. Das Rossijatrikot mit der 27 und dem Namen Bykow auf dem Rücken hüte ich noch immer als kleinen Schatz.

In Kaufbeuren aber gab es für die Gäste aus dem Reich des russischen Bären erneut nichts zu erben. Dreieinhalbtausend staunende Eishockeyfreunde ließen sich vom 6:4 der deutschen Mannschaft mitreißen. Neben dem zwischenzeitlich in München verdingten Torjäger Didi Hegen baute Bundestrainer Dr. Ludek Bukac auch auf das aufstrebende Kaufbeurer Sturmas Stefan Ustorf, das die Washington Capitals beim NHL Entry Draft 1992 als Nummer dreiundfünfzig gezogen hatten.

Internationale Gastspiele sind das Salz in der Suppe. Im Allgäu und anderswo auch. Und nun ist es wieder einmal so weit. Endlich. Erstmals seit 2005, als mit Lettland zum letzten Mal eine Nationalmannschaft ihre Visitenkarte in Kaufbeuren abgab. Am 11. April 2019 trifft Deutschland in der brandneuen erdgas schwaben arena auf die Slowakei. Zeit für Erinnerungen. Zeit für Träume. Zeit für Begegnungen. Einen ausgedehnten Augenblick lang wird das ganze Land auf Kaufbeuren blicken, wo das Eishockey daheim ist. Franz Reindl hat Wort gehalten und das kleine gallische Dorf an der Wertach hat sich das auch redlich verdient.

Länderspiele in Kaufbeuren

19. Januar 1957 * Deutschland B – Schweiz B 6:2
17. Oktober 1958 * Deutschland – Schweiz 3:9*
9. Dezember 1969 * Deutschland – Jugoslawien 7:0
29. November 1981 * Deutschland – Polen 6:2
13. April 1985 * Deutschland – USA 3:8
28. März 1987 * Deutschland – Sowjetunion 5:2
10. April 1993 * Deutschland – Russland 6:4
2. April 1996 * Deutschland – Niederlande 4:1
21. April 2005 * Deutschland – Lettland 2:4
11. April 2019 * Deutschland – Slowakei -:-

* Kurz vor der Austragung aus der Wertung der offiziellen Länderspiele zurückgezogen.