Wenn Worte für immer verschwinden

Warum kommen im Schwäbischen immer mehr Begriffe aus dem Gebrauch? Unter dieser Fragestellung führte Johann Stoll, Redaktionsleiter der Mindelheimer Zeitung, im November 2018 mit mir ein ausführliches Interview über Sprache und Mundart. Das Gespräch erschien am 14. November 2018 unter dem Titel Wenn Worte für immer verschwinden in der Mindelheimer Zeitung und einen Tag später auch in den in Krumbach ansässigen Mittelschwäbischen Nachrichten.

Herr Kraus, Sprache lebt, Sprache verändert sich. Neue Wörter kommen, alte verschwinden. Das Kollektiv ist weg, das Team gekommen, der Supermarkt hat die alte Kaufhalle ersetzt, der Gürtel den Bauchriemen. Sie schreiben seit vielen Jahren einfühlsame Texte in schwäbischer Sprache. Gibt es derartige Veränderungen auch im Dialekt oder verschwindet er einfach still und leise?

Da könnte ich natürlich auch für den Dialekt haufenweise Ausdrücke aufzählen. Ein treffendes Beispiel sind die Roten Rüben. Man hat sich ja daran gewöhnt, dass nur noch wenige Schwaben von Randa sprechen. Warum wir aber mittlerweile den Begriff Roata Riab aufgegeben haben und von Rote Beete sprechen, will mir nicht in den Kopf hinein. Vielleicht ist dafür der Irrglaube verantwortlich, unsere Mundart sei gegenüber dem Hochdeutschen minderwertig oder hinterwäldlerisch. Ich sehe da einen eigentlich schleichenden Prozess, der aber zunehmend rasante Fahrt aufnimmt.

Wohin geht es mit dem Dialekt?

Unser Dialekt gerät zweifellos immer stärker in Bedrängnis. Das muss aber nicht zwangsläufig heißen, dass er ausstirbt, zumal er gerade im allgäu-schwäbischen Raum durchaus noch lebendig ist. Ich spüre sogar vielfach eine Sehnsucht nach ihm. Wir müssen aber in sehr viel stärkerem Maße auf ihn aufpassen, damit seine Besonderheiten nicht verlorengehen und er sich nicht bis zu einer gewissen Unkenntlichkeit verändert. Wir gehen mit ihm nämlich viel zu gleichgültig und passiv um. Dass sich Sprache verändert, ist ja ein ganz natürlicher Vorgang. Sprache ist nichts Starres. Was sich da aber alles einschleichen und breitmachen darf, erscheint mir bedrohlich, weil wir nicht mehr kritisch und bewusst hinterfragen, was wir zulassen und was nicht. Da wird aus Bereicherung ganz schnell Verwahrlosung. In diesem Zusammenhang stimmt mich besonders unsere immer stärker werdende Oberflächlichkeit nachdenklich. Nehmen wir doch bloß einmal die nuancierten Abstufungen unserer ebenso alten wie schönen Grußformeln. Die schmeißen wir achtlos weg für ein nichtssagendes, blutleeres Hallo.

Fallen Ihnen spontan ein paar schwäbische Wörter oder Redewendungen ein, die einfach verschwunden sind?

Ganz verschwunden sind herrliche Wendungen wie der luagat wia dr Ochs en d´ Apadeak nei, also er schaut verständnislos wie ein Ochse in eine Apotheke, aber auch gewöhnlichere Metaphern kommen immer seltener zur Sprache. Isch dei Vadder a Glaser? Das hat man früher immer gefragt, wenn einem jemand die Sicht genommen hat. Und da steckt ja auch so viel Geist und Hintersinn drin, bringt man mit ihr doch durch die Blume auf charmante und trotzdem nachdrückliche Weise sein Anliegen zum Ausdruck. Einzelwörter sind vom Aussterben wahrscheinlich noch stärker bedroht. Aftermeetagg sagt kaum noch jemand zum Dienstag, Boschdur zur menschlichen Gestalt, Bai zum inneren Fensterbrett, Kroddaschaber zu einem schlecht schneidenden Messer, Nuschter zum Rosenkranz, Pfreim zum Raureif oder Guggommr zur Gurke.

Was sind die Gründe, dass bestimmte Wörter einfach nicht mehr gebräuchlich sind?

Die eingangs schon erwähnte Neigung, das Hochdeutsche als höherwertig anzusehen, mag hier eine gewichtige Rolle spielen. Viele Wörter sind natürlich auch nicht mehr in Gebrauch, weil der Gegenstand oder die Tätigkeit aus unserem Alltag verschwunden ist. Denken wir nur an die Heuernte, als d´ Mähna den Heuwagen zog, unter selbigem d´ Legl, also ein hölzernes Fässchen mit Most, Tee oder Wasser, hing, und man die Rösser mit dem qualmenden Breamakessl vor Bremsen und Fliegen schützen wollte. Ganz allgemein gilt, dass alle von uns nicht mehr benützten Ausdrücke auch nicht mehr weitergereicht werden. Und da meine ich solche, die noch vor Kurzem gang und gäbe waren.

Nun sind Sie jemand, der für den Erhalt des Schwäbischen kämpft. Warum lohnt es sich, vergessene Wörter wieder ins Bewusstsein zurückzuholen?

Unsere Mundart ist ein hohes Gut. Sie ist urwüchsig, unmittelbar und bildstark, besitzt eine hohe Ausdruckskraft und Warmherzigkeit. Viele Mundartausdrücke sind imstande, etwas differenziert zu betrachten und gleichzeitig auf den Punkt zu bringen, wie es das Hochdeutsche nicht vermag. Sie trägt ganz beträchtlich zu einem Gefühl von Geborgenheit und Aufgehobensein bei. Wenn wir uns mit unseren Werten und Traditionen identifizieren, fördert dies die Zusammengehörigkeit. Und gerade die Sprache ist ein ganz wesentlicher Teil davon. Mundart ist ein Stück Heimat. Mich lässt sie tief durchatmen und zur Ruhe kommen.

Was sagen diese alten Begriffe eigentlich über unser Leben aus?

Sie drücken eine hohe Wertschätzung für das aus, was unser Leben ausmacht. Darüber hinaus verleihen sie uns eine Identität, weil sie uns vor einem Einheitsbrei bewahren. Der Dialekt erlaubt keine eigene Sprache, aber eine eigene Stimme, hat der Wiener Lyriker und Erzähler Hugo von Hofmannsthal schon vor hundert Jahren gesagt. Das trifft es sehr gut.

Täuscht der Eindruck, dass unsere Sprache derzeit ärmer wird?

Dieser Eindruck täuscht keineswegs, weil wir viel zu leichtfertig mit unserer Sprache umgehen. Wir sind aber auch einer Flut von Einflüssen ausgesetzt. In meiner Kindheit hatten wir ein Radio und einen Schwarzweißfernseher mit vier Programmen, aber nicht einmal ein Festnetztelefon und schon gleich gar keinen Computer. Heute werden wir von den modernen Medien und Kommunikationsmitteln geradezu überschwemmt. Da einen klaren Kopf und die Übersicht zu bewahren, ist nicht einfach. Zur Verwässerung unserer Sprache trägt natürlich auch unsere erheblich gestiegene Mobilität bei und die Wortfetzenhaftigkeit, mit der wir uns per WhatsApp miteinander unterhalten, lässt sie geradezu verarmen.