Ein Leben lang

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Leseprobe / Kapitel 12 / Seite 93

Torschützenkönig, Eishockeyidol, Pechvogel

Torjäger Manfred Hubner schoss den ESV Kaufbeuren zum ersten Sieg gegen den damaligen deutschen Serienmeister EV Füssen

Feuerwerkskörper zischten in den dunklen Nachthimmel, Sitzkissen flogen durch die kalte Luft, im Siegestaumel lagen sich wildfremde Menschen in den Armen. Geschafft. Es war endlich geschafft. Die Spieler hüpften über das Eis, sie umarmten sich, führten Freudentänze auf. Der Bann war gebrochen, der langersehnte Tag gekommen, der Jubel grenzenlos. Unter den Augen des beeindruckten Nationaltrainers Ed Reigle hatte der ESV Kaufbeuren soeben zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte den übermächtigen Serienmeister EV Füssen besiegt, den unbezwingbaren Allgäuer Rivalen, den Großen Bruder, das Nonplusultra des deutschen Eishockeys.
„Die Fiassner eilten von Meisterschaft zu Meisterschaft. Gegen die war man eigentlich gut bedient, wenn man nicht zweistellig bekam. Dann aber haben wir ihnen plötzlich die ganze Saison über unheimlich zugesetzt und sie in der Endrunde sogar mit 4:2 geschlagen. Ein unglaublicher Abend”, erinnert sich der ehemalige Nationalspieler Manfred Hubner mit einem breiten Lachen an den unvergesslichen 9. Januar 1966, als der aufstrebende ESV Kaufbeuren dem scheinbar unbesiegbaren Nachbarn nicht nur ein Bein stellte, sondern auch noch kräftig die Meisterschaftssuppe versalzte. Er selbst hatte an jenem denkwürdigen Abend den Gordischen Knoten durchschlagen und viertausend hingerissene Zuschauer im Kaufbeurer Freiluftstadion mit seinen beiden Toren zum hochverdienten Endstand hellauf begeistert. Allenthalben hörte man Steine von den sehnenden Herzen fallen. Ein langgehegter Wunsch hatte sich endlich erfüllt.
Nutznießer des geschichtsträchtigen Kaufbeurer Sieges in der auf nur acht Spieltage begrenzten Bundesligaendrunde war der EC Bad Tölz. Den ganzen Sonntagabend waren pausenlos Anrufe aus dem Isarwinkel im Kaufbeurer Eisstadion eingegangen, um Kenntnis vom aktuellen Spielstand des auch für Tölz so bedeutsamen Allgäuer Derbys zu erlangen. Die von Mike Daski trainierten Buam hatten am Vorabend dem Mannheimer ERC mit 4:0 beide Punkte abgeknöpft und waren nun auf dem besten Wege, dem erfolgverwöhnten EV Füssen, der am Spielmodus und ein bisschen auch am ESVK scheiterte, die Butter vom Brot zu nehmen und den fest eingeplanten dreizehnten Meistertitel zu entreißen.
Der ESV Kaufbeuren war unter Trainer Xaver Unsinn zu einer echten deutschen Spitzenmannschaft herangereift. Schon beim Vorrundengastspiel am Kobelhang hatten die als Tabellenzweiter einkommenden Wertachstädter bis eine halbe Minute vor Spielende in der Höhle des Löwen sensationell mit 5:4 in Führung gelegen und dem bei 34:2 Punkten ungeschlagenen Bundesligaprimus alles abverlangt, ehe Leonhard Waitl unter turbulenten Begleitumständen doch noch der fragwürdige Ausgleich gelungen war. Nach einem Bandencheck gegen ESVK-Kapitän Edi Mayr hatte der Tölzer Schiedsrichter Gerd Fottner seinen Arm gehoben, um den Füssener Regelverstoß anzuzeigen, sich dann aber doch von seinem Kollegen Georg Zeller aus Landshut, in dessen Rücken sich die strittige Szene abgespielt hatte, überstimmen und zu aller Überraschung plötzlich weiterlaufen lassen.
Nun aber war die Füssener Eishockeyfestung um die Haudegen Hartl Waitl, Gori Köpf, Helmut Zanghellini und Gustav Hanig gefallen. Sturmreif geschossen von einer von glühendem Kampfgeist und überragender Spiellaune beseelten Kaufbeurer Mannschaft, die das verletzungsbedingte Fehlen von Torwart Reinhold Winter und Stürmer Reinhold Rief verkraftet und in den Schlussminuten sogar bei drei gegen sechs Feldspielern mit einem famosen Hans Kerpf im Kasten der Füssener Angriffswalze widerstanden hatte, um durch die Treffer von Heinz Geiger, Herbert Stowasser und zweimal Manfred Hubner einen zwei Jahrzehnte gehegten Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Ein Sieg für das Gemüt und für das eigene Selbstverständnis. „So ein Tag, so wunderschön wie heute …”, hallten die Freudengesänge lautstark von den Rängen und die Neue Kaufbeurer Zeitung schwärmte anschließend von einer spielwütigen Kaufbeurer Mannschaft, von einem vollauf verdienten Sieg, von einem Hexenkessel mit Jubelszenen südamerikanischen Stils.
Den gebürtigen Füssener Xaver Unsinn überwältigte das Kaufbeurer 4:2 gegen seinen Heimatverein ganz und gar: „Endlich hat es geklappt, endlich hat es geklappt”, vermochte er zunächst nur unablässig zu wiederholen, während sich Gästetrainer Markus Egen als fairer Verlierer erwies und …

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